Leseproben

Wahre Grausamkeit

Ein Ausdruck von hässlichster Grausamkeit ist wohl genau dann gegeben,

 

serviert man an Freitischen ausnahmslos Herrengedecke.


Am Gegenufen

Am Gegenufer küssen sich

zwei Turteltauben wild und innig.

Ein solcher Anblick ekelt mich.

Ich finde ihn so widerlich,

denn was sie tun, ist widersinnig.

 

Die Liebe ist ein eitles Spiel

und wer es spielt, wird nichts gewinnen.

Man opfert sich, man opfert viel

und dennoch kennt sie nur ein Ziel:

mit Schmerz und Eile zu zerrinnen.

 

„Was denkst Du, Schatz?“, fragt meine Frau.

„Ähm, welch’ Gedanken soll ich hegen?

Denn wenn ich den Himmel schau’,

dann denk’ ich an Dein Augenblau

und werde still und ganz verlegen.“

 

Dies war ein guter Rettungszug,

den alle einstmals wagen müssen.

Die Liebe lebt durch Lug und Trug –

das sei gesagt, dann ist’s genug,

denn meine Frau will mich jetzt küssen.

 

(Wenn nun der Leser blödelnd lacht

und glaubt, das sei so nie geschehen,

dann halte ich’s für angebracht,

dass er sich jetzt Gedanken macht.

 

Die Wahrheit ist meist schwer zu sehen.)


Leitgedanken des heutigen Dichterideals

Ich schreib’ mal groß, ich schreib’ mal klein.

Es braucht nicht alles richtig sein.

Grammatik, nutzt doch nie ein Aas.

Erst ohne sie macht’s Schreiben Spaß!

Von Zeichensetzung halt’ dich fern.

Erst ohne sie liest man mich gern’!

 

Wenn es mich juckt, dann reime ich.

Doch wenn es zieht, dann besser nich’.

Ich bin so prächtig abgefeimt,

bestimme ob und was sich reimt!

Im Metrum reime das Gedicht?

Ach so ein Quatsch! Das brauch’ ich nicht!

 

Zusammenhänge oder Sinn –

die bringen keinem Vers Gewinn.

Und mein Gedicht versteh’ nur ich.

Du  etwa nicht? Was kümmert’s mich?

Mein Ausdruck, der ist nimmer schlecht.

Der Leser liest den Text nie recht!

 

Beraten lasse ich mich nicht,

versperr’ mich stets vor fremdem Licht.

Was ihr mir sagt, ist einerlei.

Ich bin ein Künstler, ich bin frei.

Ich schreibe viel, ich schreibe gern.

 

Ich bin der hellste Dichterstern.