Leseproben - Vermischtes

28 Tage

 

Praefatio (am 21.09.18)

 

Für jeden Tag, an dem wir uns nicht sehen,

versprach ich – Dir zu Ehren – einen Vers.

Den Einwand halte ein auf deinen Lippen,

zu wenig Zeilen habe dieses Werk.

Stattdessen sieh: Beginne ich zu dichten,

verliert sich jeder rechte Grund zur Klage,

denn wenn ich dichte, bin ich ganze bei Dir.

 

Stropha prima

 

Bevor das Morgenlicht die kühnen Wogen

bunt schimmern lässt, gedenke ich schon Dein.

Sie rufen meinen Namen. Welch Verlockung –

denn mir ist es, als riefst Du ihn mir zu.

In ihnen sehe ich Dein Augenmeerblau.

Dich hier zu wissen, fern des Alltagsgleichschritts,

ist mir viel mehr als ein erfüllter Wunsch.

 

Stropha secunda

 

Von einer unberührten Küstendüne

zieht eine Möwe in die Unendlichkeit.

Sie überfliegt die Gischt und freies Rauschen

und wird alsbald eins mit dem Horizont.

Dorthin, ja, lass uns träumen, leise träumen!

Des Alltags Wirren werden wir nicht missen,

erklingt allein die See um uns herum.

 

Stropha tertia

 

Die Sandstrandleere färbt sich endlich golden.

Ein jeder Muschelschatten streckt sich lang.

Ich schreibe in den Sand mit meinen Augen

drei Letter, die kein Windstoß mir verweht.

Die Abendröte naht. Ich möchte schweigen

und Dich, wie nur Du es verdienst, betrachten.

Vielleicht erwiderst auch Du meinen Blick.

 

Stropha quarta

 

Hoch über mir erscheinen Silberbilder.

Sie flimmern altbekannt und wohlvertraut.

Ein scheuer Schweif spannt einen weiten Bogen.

Was ich mir wünschte? Das weißt Du. Gewiss!

Mit Dir genoss ich heute dieses Leben.

Bevor der laue Mondnachtwind zur Ruhe

mich mahnt, gedenke ich zuletzt noch Dein.

 

Epilogus

 

Zerreiße jetzt, zerreiße meine Verse!

Vorbei ist wieder ihre rechte Zeit.

Vergiss sie schnell, wenn keiner etwas taugte.

Behalte sie in Erinnerung, schenkten sie

ein Lächeln oder einen Traumgedanken.

Nur Du, nicht die Nachwelt soll sie kennen.

 

Zerreiße sie! Das alleine wünsche ich.

 

 

Das Lied von den Wahrheitsschwärmern

 

„Wacht auf und träumet nicht!“,

sprach gestern kühn ein blauer Wicht.

Dafür bekam er viel Applaus

und löste eine Welle aus.

 

Im Allergrößten wie im Kleinen,

lass Vorsicht walten, horch, mein Kind!

Denn überall im Lande sind

die sogenannten Edelfeinen,

die ständig von der Wahrheit schwärmen

und kopflos mit Parolen lärmen.

 

„Die Fremden nehmen uns das Land!“,

so schrie der Blaue wutentbrannt.

Die Hörer tobten: „Der Mann hat recht!

Denn Fremdes macht uns alles schlecht!“

 

Im Allergrößten wie im Kleinen,

lass Vorsicht walten, horch, mein Kind!

Denn überall im Lande sind

die sogenannten Edelfeinen,

die ständig von der Wahrheit schwärmen

und kopflos mit Parolen lärmen.

 

„Da oben die, die sind bald dran!“,

frohlockte noch der blaue Mann.

Und alle waren just bereit

für eine neue, alte Zeit.

 

Im Allergrößten wie im Kleinen,

lass Vorsicht walten, horch, mein Kind!

Denn überall im Lande sind

die sogenannten Edelfeinen,

die ständig von der Wahrheit schwärmen

 

und kopflos mit Parolen lärmen.

Er sucht Sie – eine Kontaktanzeige in Versen

 

Ich habe freilich ein Geschlecht und Alter,

auch manchmal Knie sowie auch manchmal Rücken.

Als ewigtreuer Nachlassgutverwalter

versteh’ ich Menschenherzen zu beglücken.

 

Mit vielen Leidenschaften kann ich prahlen.

Besonders liebe ich das Schlangestehen,

das stille Malen nach geraden Zahlen

und dem geschenkten Gaul ins Maul zu sehen.

 

Mein Geld genügt für eine Einraumwohnung

und meine Schönheit, die kommt tief von innen.

Ein jeder Tag mit mir ist stets Belohnung.

 

Ich weiß es schon, Du wirst mich liebgewinnen.

Oh Dichter sei gewarnt

 

Irrweg der Kultur,

Sackgasse der Sprache,

Spiegelbild fortschreitender Dekadenz,

ohne Punkt und Komma,

gehetzt, getrieben, verzettelt,

hartes Brot und billiges Spiel

für Ständigklatscher

und gern beklatschte Effektehascher,

tägliches Versagen aller,

gut gemeint, nie gekonnt,

Ausweg aus der Poesie,

ungehörter Hilferuf –

oh Dichter,

ich warne dich

vor dem Poetry-Slam!