Text des Monats zum Zwecke der  Überfrachtung einer Startseite

Sylt – eine Annäherung an den Schwaben

 

Proömium

Es gibt Momente, da will eine Idee, ein Erlebnis, eine Momentaufnahme des absolut Widerlichen niedergeschrieben werden, aber man weiß als Lyriker genau: Dafür würde ich nicht einmal den schäbigsten goethischen Knittelvers hergeben. Also hat man die Wahl: Entweder wacht man fortan schweißgebadet jede Nacht auf und schreit die ruhende Proletenbevölkerung auf, die schon vom nächsten Chemnitz träumt, oder man streift das letzte Bisschen lyrische Niveacreme von sich ab und begibt sich in die literarischen Niederungen der Prosa. Da sich der Schrecken in manchen Fällen aber so stark in das Gedächtnis einbrannte, ist selbst in der Prosa bis in die unterste Schublade zu greifen. Das heißt, von Zeit zu Zeit ist es nötig, einen Reisebericht zu schreiben. Ja, es tut mir selbst leid, aber es ist nun einmal an der Zeit und meine Nachbarn …, Sie verstehen schon …

 

I

 

Wenn man gewillt ist, Schwaben zu treffen, ihre Sprache zu lernen und ihr außerordentliches Verhalten einem Andreas Kieling gleich zu studieren und festzuhalten, dann sollte man keinesfalls den Fehler begehen, nach Stuttgart oder in eine andere baden-württembergische Stadt zu reisen. Auch das städtische Umland braucht man nicht aufzusuchen. Es hat keinen Zweck. Denn dialektischen Grundprinzipien gemäß, auf die Hegel stolz gewesen wäre, gilt das Folgende: Willst man einen Schwaben sehen, so fahre nicht in den Süden, sondern hoch in den allernördlichsten Norden. Am besten nach Westerland, da der gemeine Schwabe bereits vor längerer Zeit die wunderschöne Insel Sylt annektierte – ähnlich wie es der gemeine Dummdeutsche mit Malle, oder Mallorca, wie es in Insiderkreisen noch aus grauer Vorzeit bekannt ist, tat. Zur Beobachtung bedarf es nicht viel: an sich nur ein bisschen Gespür für Zeit und Ort sowie ein paar gute, stabile Nervendrähte, die mindestens die Dicke eines C-Schlauches aufweisen sollten. Fernglas, Nachtbildkamera, GPS-Geräte, Fallentechnik, Landkarten, SVU und ortskundige Führer und all den neumodischen und überflüssigen Survivalkram, der bei DMAX 48 Stunden am Tag zu bestaunen ist,  muss man nicht haben – und wenn doch, dann lastet er nur schwer auf den Schultern, sodass auch noch der Bewegungs- und Stützapparat neben den strapazierten Nerven in Mitleidenschaft gezogen wird. Der gemeine Schwabe ist alles andere als scheu, eher aufdringlich in seiner ganz unnachahmlich Art. Früher oder später kommt er von ganz allein zu einem. Dessen kann man sich sicher sein.

 

II

 

Bereits auf der Anreise mit dem Zug trifft man auf die ersten Exemplare. Wichtig ist dabei, sich nicht mit dem Zweiteklassepöbel abzugeben, der von Arbeit oder Berufsschule kommend abgeschlafft nach Hause fährt und eine quälende Reise in überfüllten und von Schweiß miefenden Wagons vor sich hat. Nein, man muss tief in die Tasche greifen und sich ein Ticket für die erste Klasse leisten. Diese Investition lohnt sich allerdings immer. Denn dann tritt man ein in das vor Beinfreiheit strotzende und parfümdurchsetzte Elysium des stressfreien Reisens, für das der Schwabe das ganze Jahr über schaffte, den eigenen Hund verkaufte, um extra zu sparen, und sich nun auch einmal etwas gönnt. Im Abteil der ersten Klasse begegnet man in der Regel einer schwäbischen Rentnerin. Sie hat sich schick gemacht, was Goldkette und Golduhr passend zum mit Gold verzierten Reisekoffer erahnen lassen. Die graubehaarte Schachtel meidet anfangs jeden Blickkontakt, um dann mit jeder Minute umso neugieriger, ja fast schon hektischer jedes Ereignis zu erfassen, sei es das Öffnen einer Bierflasche oder das wiederholte Umfallen eines Reisekoffers. Von der draußen im Sonnenlicht leuchtenden Marsch, unbeschwert dahinrotierenden Windrädern und faul schmatzenden Kühen bekommt sie gar nichts mit. Der Höhepunkt ist für die Rentnerin erreicht, wenn der Schaffner das Abteil betritt. Endlich kann sie das Personal bitten, ihre Gepäckstücke in die Ablage zu wuchten und die Sitzlehne richtig einzustellen, denn sie „weiß einfach nicht, wie man das macht. Das ist alles so neu.“ Freilich fahren in Baden-Württemberg keine Züge, denn Züge sind Transportmittel der Unterschichten, die, wie wir seit dem berühmten Vortrag des Forschers Maxi Schafroth wissen, ab einem Jahreseinkommen von weniger als 100.000 Euro Netto jeden Sonntag mit ein paar Schweinen durch das Dorf getrieben werden, bis sich die ärmlichen Verhältnisse wieder bessern. Und der Jahrgang der Rentnerin lässt zudem völlig zurecht den Gedanken zu, dass es so etwas wie Bahnreisen in den allernördlichsten Norden zu Zeiten des Russlandfeldzuges, an dem ihr Gatte bereits in betagtem Alter teilgenommen hatte, gewiss noch nicht gab. Dass diese Frau überhaupt ohne Hilfe atmen kann, grenzt schon an ein Wunder der alles bedenkenden Natur. Aber wahrscheinlicher ist jenseits aller Wunder: Sie besuchte den stark frequentierten Seniorenkurs an der Volkshochschule Bühl mit dem Titel: Ein- und Ausatmen – Senioren fit für moderne Trends.

 

III

 

Der bereits angesprochene, immer wieder umfallende Koffer stammt von einer schwäbischen Bonzenfamilie. Vater, Mutter, Schwiegermutter und -vater, allesamt mit reichlich Bling-Bling ausgestattet, sowie zwei verwöhnte Rotzlöffel, die sich vor Langeweile nicht auf den Fahrsitzen halten können, wollen natürlich auch nach Westerland. Ein leicht verspäteter ICE brachte die Schwaben zum Umsteigebahnhof, wo der Anschlusszug gütiger Weise auf sie wartete, aber mit so viel Verspätung letztendlich losfuhr, dass es aufgrund des hohen Verkehrs und einiger Bauarbeiten noch mehr zu Verspätungen kam. In unnachahmlicher Manier protestierte die Mutter, Frau W., bereits nach einer von vier Stunden Fahrzeit gegen den sich anbahnenden Zeitverzug, stöhnte, verdrehte die Augen und rezitierte aus der Psalmensammlung der DB-Reisenden (PSDBR), die wohlbekannten Verse: „Typisch Deutsche Bahn. Das war ja wieder klar. Ständig gibt es Verspätungen.“ (PSDBR, IV, 1-2) Und da sich Frau W. freilich in ihrer renitenten Art gegen den Rat des Zugpersonals auflehnte und ihren Koffer nicht sicher verstaute, fällt dieser natürlich ständig um, was Frau W. noch mehr zu Weißglut bringt: „In diesen Zügen kann man einfach nicht reisen. Unter aller Sau ist da hier.“ (PSDBR, VI, 4) Als aber endlich ein Cateringmann mit Snacks und Erfrischungen das Abteil betritt, hellt sich ihr Gesicht wieder auf. Scheinbar hatte das Exemplar einfach nur einen gierigen Magen, konnte es aber nicht anders artikulieren als durch blindes Gemotze. Das ist eine Besonderheit, die gerade Schwäbinnen eigen zu sein scheint. Sogleich bestellt sie zwei Bier, das heißt 0,3 Liter Plärre für je 2,50 Euro, stößt mehrmals mit ihrem zum Glück schweigenden Mann an und trinkt binnen kurzer Zeit ihr „wohlverdientes Bier für die ganze Aufregung heute“ vor ihren Kindern, was letztendlich beweist, dass asoziales Verhalten nicht durch die Einkommensklasse bedingt wird. Draußen gleitet inzwischen die Nordsee links und rechts des Hindenburgdammes vorbei, wobei sich zarte Wellen an das grüne Ufer schmiegen, während sich im Sonnenschein allmählich die Unendlichkeit des Meeres anbahnt. Solche Reisen sind für Schwaben wirklich widerlich. Dennoch tun sie sich „so etwas“ an, was auf ein stark masochistisches Verlangen schließen lässt.

 

IV

 

Der typische Schwabe ist in seiner natürlichen Umgebung besonders gut zu beobachten. In der Einkaufsstraße von Westerland trifft man ihn mit hoher Sicherheit vor allem am Samstag an, wenn der Sonnenuntergang noch ein wenig auf sich warten lässt und die Kalorien des Mittagessens in einem überteuerten Restaurant am besten durch Shoppen wieder verbrannt werden. Je nach Beuteplatz, das heißt Geschäft, können junge oder ältere Exemplare studiert werden. In jedem Falle zeigen sie sich mit unnatürlich blonden Haaren, Fliegersonnenbrille, gebleichten Zähnen und entweder auffallend bunten Markenkleidungsstücken oder dem bei vielen sehr beliebten weißen Pullover, der nie getragen, sondern immer nur um den Hals gebunden und zur Schau gestellt wird. Wo die jüngeren Exemplare vor allem bei Gucci und Prada einkaufen gehen, interessieren sich die älteren eher für die vielen Hörgeräteanbieter oder einen der hiesigen Heilpraktiker, „die es wirklich einmal schafften, sich Zeit für einen zu nehmen, bis man wieder kerngesund war.“ Von den dazu zu entrichtenden Gebühren muss natürlich nicht gesprochen werden, denn wer auf Sylt ist, der hat alles, was man braucht. Auffallend ist, dass häufig Ehepaare durch die Stadt schlendern, die noch nicht ganz das Rentenalter erreicht und noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben, aber „schon seit 30 Jahren jeden Sommer“ hierherkommen, „um sich für zwei bis vier Wochen verwöhnen zu lassen.“ Jenseits der Einkaufsstraßen warten die geparkten Porsche und Maibachs auf ihren Einsatz von der Innenstadt in das endlose 500 Meter entfernte Hotel. Zwar gibt es keine Autobrücke nach Sylt, aber immerhin den „total kostengünstigen“ Shuttle- und Autozugservice der Deutschen Bahn. Die Fahrt bis nach Niebüll dauert zwar 20 Minuten länger als es mit dem Regionalexpress trotz direkter Durchfahrt der Fall ist, aber so bleibt eben viel Zeit, in seinem schicken Wagen auf einem schäbigen Wagon hockend das wohl schönste Ereignis eines Sylturlaubs zu genießen, nämlich wenn einem auffällt, dass der Tacho nun genau 90000 Kilometer anzeigt, was unbedingt zu kommentieren, fotografieren und Grund genug ist, abends einen Italiener aufzusuchen, um stilecht auf Sylt einen Feierakt voller Nektar und Ambrosia ob des historischen Ereignisses zu begehen. Irgendwo gibt es auf Sylt auch so etwas wie Landschaftsschutzgebiete, irgendwo auch Heide- und Dünenlandschaften, aber wer will da schon hin? Der Wagen wird da nur dreckig und einkaufen kann man da ohnehin nicht, geschweige denn sich das Hörgerät neu einstellen lassen.

 

V

 

Morgens am Strand liebt es der Schwabe, ein besonderes Ritual zu zelebrieren, den unter Forschern sogenannten Frühsport. Dabei handelt es sich um ein höchst mirakulöses Schauspiel: Dieselben Bleichzähne des Vortages plagt in der Nacht, nach der üblichen Nahrungsaufnahme und dem anschließenden Gezeches ob des Tachostandes oder des billiges Spritpreises, das schlechte Gewissen. So geht man beizeiten zum Strand, mietet sich vielleicht besser schon einmal den Strandkorb, der die natürliche Behausung des Schwabens darstellt, und macht sich bereit, das Gewissen wieder zu bereinigen. Manche haben in der Brigitte einmal etwas von dem „Gruß an die Sonne“ gehört und versuchen im Alleingang ihre Spreckringe dazu zu bewegen, den „nach unten blickenden Hund“ zu meistern. Nicht selten kommt es dabei zu Stürzen und massiven Verletzungen durch den harten Aufprall auf den weißen Sand des Strandareals. Die Dunkelziffer von Haarbruch steigt von Jahr zu Jahr an, wie Experten der Prechtuniversität für Höchstbildung in Dödelmillau jüngst feststellten.  Gerade am Meer ist Yoga für den Schwaben „einfach herrlich, denn da lernt man einmal wieder, eins zu werden mit der Natur. Man kommt wieder zu sich, findet neue Kräfte. Das kann man ja in Stuttgart gar nicht mehr machen bei all dem Lärm und den Ausländern.“ Andere wiederum treiben den Frühsport in der Gruppe mit dem ganz privaten Trainer oder Therapeuten, der gegen jedes Berufsethos verstoßend den Frischblondierten weißmacht, wie gesund doch jener Sport für Körper und Geist sei, obwohl der gesamte Spaß höchstens zehn Minuten dauert, wobei acht Minuten aufgrund von Flachwitzen, Altherrensprüchen und allgemeinen Gegacker wegfallen und die letzten zwei Minuten an sich nur aus Dehnübungen bestehen, deren positive Effekt nur von Forschungsblättern wie der bereits angeführten Brigitte bestätigt werden. Zum Ritual des Frühsports gehört anschließend auch der direkte Gang ins Café, „wo man sich auch einmal etwas gönnen darf, denn schließlich ist man im Urlaub. Und nur Sport ist auch nicht gesund.“ Kalorien, die nicht verbrannt wurden, werden nun doppelt so stark wieder in den Körper gewürgt, sodass der gemeine Schwabe bei dieser Nahrungsaufnahme nicht selten einer polnischen Zuchtweihnachtsgans gleicht, aber die Hauptsache ist, das Gewissen plagt einen nicht mehr. Im Übrigen, geht man etwas von den Touristenstraßen rund um Hotels und Einkaufsmöglichkeiten weg, sieht man keine Schwaben mehr, sondern die indigene Bevölkerung, die sich aufgrund steigender Mieten und mangelndem sozialen Wohnungsbau in der eigenen Heimat nicht mehr wohlfühlt, weil sie mit ständigen Existenzängsten belastet ist. Oftmals kommt nur das Flaschensammeln als Nebenerwerb infrage, der zumindest lukrativ ist, denn der Schwabe hat im Urlaub alles nötig, außer Pfand.

 

VI

 

 

Am Ende weiß man gar nicht, ob es so etwas wie das wahre Sylt wirklich gibt, wenn man sich entschließt, diese Insel zu bereisen. Woher soll man es auch wissen bei all den Strandkörben, Strandeinlässen, die man nur mit dem Kurtaxeschein A38 passieren darf, bei all den autoüberfüllten Innenstadtstraßen, bei einer Bevölkerung, die einen Kontrast zu den schwäbischen Urlaubern derartig bildet, dass man sich klarmachen kann, wie sehr sich Arm und Reich in Deutschland auseinanderentwickeln? Es kann aber festgehalten werden: Der Schwabe hat eine neue Heimat, was logischerweise zur Folge hat, dass Baden-Württemberg bald völlig leersteht oder von den vertriebenen Syltern annektiert wird. Man kann nur hoffen, dass zum Ausgleich irgendeiner uns allen verborgenen Gerechtigkeit in Stuttgart bald friesisch gesprochen wird. Jedenfalls ist Sylt eine Reise wert, will man sich mit der den meisten völlig fremden und selbst den besten Experten immer noch rätselhaft anmutenden Kultur der Schwaben beschäftigen. Und da ich nächstes Jahr unbedingt westfälische Menschen kennenlernen will, werde ich, der Dialektik meiner Erlebnisse folgend, nach Zittau oder Hoyerswerda reisen.

Der neue Transnational ist letztmalig erhältlich

 

Endlich ist sie da und das zum letzten Mal! Die neue Ausgabe des zweisprachigen Literaturmagazins The Transnational kann bestellt werden. Über Books on Demand und natürlich in jedem Buchhandel eures Vertrauens ist die Bestellung möglich. Die ISBN lautet dazu: 9783752889017.  Eine passende E-Book-Ausgabe ist ebenso erhältlich.  Weitere Infos gibt es auf der Website www.the-transnational.com. Bestellungen sind am schnellsten und günstigsten über Books on Demand möglich. 

Ich hoffe, dass die Autorinnen und Autoren aus der gesamten Welt, alle großartigen Übersetzerinnen und Übersetzer, die sich an der Ausgabe beteiligt haben, sowie das gesamte Projektteam einen Teil dazu beitragen können, in den heutigen wilden, ja chaotischen Zeiten, zum Nachdenken, Sinnieren und Reflektieren anzuregen.

Viel Freude beim Lesen und ich freue mich auf euer Feedback!

Aufsätze zur Lyrik und Kunst auf KUNO

 

Viele meiner Aufsätze zum Grundhandwerk des lyrischen Schreibens und zu einigen Gedanken über Kunst und Lyrik an sich, können nun auch im Blog der Kulturnotizen (KUNO) gelesen werden:

 

Was ein Dichter von einem Maler lernen kann

 

Eine blitzschnelle Einführung in die Metrik

 

Ein kurzer Blick auf die heutige Lyrik

 

Über neue Formen der Lyrik

 

Über Leistungen eines Kunstwerks (Das ist auch gleichzeitig die Einleitung zur aktuellen Ausgabe des Transnationals Vol. 5)

 

Darüber hinaus gibt es auf KUNO noch etliche lesenswerte Essays, Interviews und Dialoge rund um das Schreiben, Veröffentlichen und andere Themen. Auch können viele Texte verschiedener Künstler gelesen werden. Es lohnt sich also immer wieder ein Blick auf KUNO zu werfen!